Der hässliche Mann
von Mang Gon Jai
Sie hieß Lin. Sie lebte in einem kleinem abgelegenen
Dorf im Issaan. Die nächste größere Stadt hieß
Roi Et, doch es war weit dorthin. Lin war verheiratet mit einem
wesentlich älteren Mann. Sie liebte ihn nicht, aber sie
mochte ihn. Sie hatte ihn sich nicht ausgesucht. Ihre Eltern
hatten sie mit diesem Mann verheiratet. Lin lebte mit ihrem
Mann in einer kleinen Hütte. Es war eine schöne Hütte,
über und über war sie mit Blumen bewachsen. Eine so
schöne Hütte hatten die wenigsten. Durch eine kleine
Straße getrennt lag die Hütte ihrer Eltern. Ihre
Eltern lebten allein. Alle ihre Kinder waren erwachsen und lebten
mit ihren jeweiligen Ehepartnern in anderen Dörfern. Lin´s
Eltern sahen ihre Kinder und Enkelkinder daher nur selten. Lediglich
Lin, die ja im gleichen Dorf wohnte, trafen sie täglich.
Lin hatte ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Oft ging
sie hinüber zu ihrer Mutter. Sie half der alten Frau ein
wenig im Haushalt und sie schwatzten. Das machte viel Spaß.
Das Leben von Lin war geregelt. Lin war zufrieden.
Lin´s Mann ging regelmäßig arbeiten. Er brachte
Geld nach Haus. Lin führte den Haushalt, kaufte auf dem
nahen Markt ein, bereitete das Essen zu. Lin verdiente zusätzlich
etwas Geld, indem sie für andere Leute die Wäsche
wusch und bügelte. Sie verdiente nicht gerade viel, aber
das Einkommen beider ermöglichte ein sorgenfreies Leben.
Lin führte das Leben einer guten Hausfrau. Kinder wollten
sie nicht, noch nicht. Lin nahm die Pille. Doch eines Tages
vergaß sie die Pille. Ihre Regel blieb aus. Sie ahnte
es.
Der Dorfarzt bestätigte es ihr. Lin war schwanger.Als
der Arzt es ihr sagte, war Lin glücklich. Im Tempel entzündete
sie Räucherstäbchen und dankte Buddha. Dann lief sie
zu ihrer Mutter.„Ich bin schwanger“, verkündete
sie stolz und glücklich. Ihre Mutter nahm sie in ihre Arme
und drückte sie an sich. Lin sah Freudentränen in
den Augen ihrer Mutter. Lin war glücklich. Lin wartete
auf ihren Mann. Sie kochte sein Lieblingsessen: ‚Tom jang
gung’ - Garnelensuppe - mit ganz vielen Garnelen. Dazu
Muscheln, die aß er so gerne. Sehr teuer, aber es war
ja auch ein ganz besonderer Tag. Zusätzlich kaufte sie
ihm Bier. Er trank es doch so gern. Lin zog ihren schönsten
Rock an. Gleich würde ihr Mann nach Hause kommen. Sie überlegte:
„Ja, ich glaube, ich liebe ihn.“
Ihr Mann kam nach Hause. Er lachte sie an. „Was gibt
es heute zu essen?“ Lin deutete auf den Fußboden.
Auf einer Binsenmatte hatte sie das Essen drapiert. Lin öffnete
einen Topf. „Sieh, es gibt Tom jang gung“ „Mein
Lieblingsessen.“ „Ich weiß, ich habe es extra
für Dich gekocht.“ „Das ist gut. Eine Frau
sollte stets alles für ihren Mann tun.“ Sie hockten
auf der Matte am Fußboden, vor sich die Speisen. „Was
möchtest Du trinken?“ „Wasser, was sonst?“
„Möchtest Du nicht lieber ein Bier?“ „Haben
wir Bier?“ „In Kühlschrank, ich hole es Dir.“
Er schenkte sich ein Glas ein. Ein zweites, halb voll, reichte
er Lin. „Tschok dii. - Zum Wohl.“ „Nein, ich
trinke kein Bier.“ „Warum?“ „Ich sage
es Dir später, iß erst.“ Er erzählte ihr
von seinen Plänen. „Einen kleinen Laden sollten wir
eröffnen.“ „Ja, das wäre schön. Dann
wärest Du den ganzen Tag zu Hause.“ Sie rückte
ganz nahe an ihn heran. Sie flüsterte: „Ich bin schwanger!“
Er sagte nichts. Sein Gesicht wurde bleich. Dann schlug er
ihr die geballte Faust ins Gesicht. Sie fiel nach hinten und
schlug mit dem Kopf auf den Boden. Sie richtete sich auf, sie
verstand nicht. Blut floß aus ihrer Nase. „Warum
hast Du das getan?“, schrie er sie an, „Du nimmst
doch die Pille!“ „Ich hatte sie vergessen.“
„Du bist zu dumm für alles, ich hasse Dich! Sicher
ist das Kind nicht einmal von mir. Du hast mit anderen Männern
geschlafen!“ „Nein!“ Lin weinte bitterlich.
„Du weißt, so etwas würde ich nie tun!“
„Morgen läßt Du das Kind abtreiben!“,
brüllte er sie an. Erneut schlug er sie ins Gesicht. „Nein,
bitte nicht! Ich möchte das Kind behalten! Bitte nicht!“
Er antwortete nicht. Er verließ das Haus. Nach kurzer
Zeit kam er mit einer Flasche „Mekong-Whisky“ zurück.
Er sprach kein Wort mit Lin. Er setzte sich auf einen kleinen
Tisch in der Ecke und begann zu trinken - direkt aus der Flasche.
Er betrank sich sinnlos, kippte um und schlief ein.