Fussgänger in Bangkok sind Freiwild
Bangkok ist gross, Bangkok ist
fremd, Bangkok ist überwältigend. Schauen sie sich den ruhenden
Buddha im Tempel Wat Pho an, steigen sie auf den 309 Meter hohen
Bayoke II Tower und blicken sie hinunter. Das also ist Bangkok:
Heimat von elf oder schon zwölf Millionen Menschen. Laut, pulsierend,
aufregend. Bangkok ist nicht nur eine Reise, sondern viele Reisen
wert.

Quellangabe
Bild: http://www.ibiza-bangkok.de
Aber kommen Sie nie auf den Gedanken
Bangkok zu Fuss erkunden zu wollen. Es sei denn sie verfügen
über das Spurtvermögen eines Carl Lewis, die Nervenstärke eines
Hauptschullehrers und die Geduld eines auf Seegurkenspezialisierten
Tierfilmers. Denn es gibt Monster in dieser "Stadt der
Engel", die nur darauf warten, sie ins jenseits zu befördern.
Bangkok
wurde nicht für Menschen erfunden, die sich auf Beinen fortbewegen.
Die Strassen von Bangkok sind reissende Gewässer. Ein endloser
Zug von Blechbiester schiebt sich kreuz und quer durch die Stadt;
sie schnappen nach allem, was sich bewegt.
Von Chom Thong im Süden bis Nonthaburis im
Norden, vom Bang Kapi im Osten bis Bang Kruai im Westen haben
die Autos von Bangkok die Reihen der Fussgänger grausam gelichtet.
Deren letzte Vertreter ziehen sich immer mehr in die abgelegensten
Ecken des Lumpini-Parks zurück. Mit etwas Glück kann der Besucher
spät nachmittags verfolgen, wie sie sich anschicken, eine der
Verkehrsadern zu queren.
Ein hochriskantes Unterfangen
! Denn um die Blechkisten nicht über Gebühr zu reizen, bleiben
die Ampeln in Bangkok meist auf Grün. Spricht es sich herum,
dass an einer bestimmten Ecke Rotphasen beobachtet wurden, die
länger als drei Sekunden dauerten, rottet sich dort schon bald
ein kleiner, aber entschlossener Haufen zusammen und setzt sich
tastend in Bewegung, die kühlerfletschenden Mazdas, Minis und
Mercedes mit wilden Blicken beschwörend. Dieser Zusammenschluss
hindert die Bestien offenbar am Angriff - nicht aus Angst vor
geballtem Fussgängerzorn, sondern aus Angst vor Beulen im Blech.
Anders verhält es sich mit
versprengten Einzelgängern. Immer noch stellt jeder freilaufende
Passant eine Beleidigung für Bangkoks Autofahrer dar. Wird ein
solcher gesichtet, vibriert der ganze Stadtteil vor Erregung.
Die blutige Hatz kann beginnen.
Also, gehen sie niemals zu
Fuss durch Bangkok. Was aber, wenn ihr Taxis sie versehentlich
an der falschen Stelle ausgespuckt hat und sie jetzt die Thanon
Maha Chai überqueren müssen, um zum Amulettmarkt zu gelangen
? Bleiben sie gefasst. Alles hat einmal ein Ende. Rufen sie
ihre Lieben an und teilen sie den Besitz gerecht. Dann atmen
sie tief durch. Fünf Züge müssen genügen. Auf der Ratchadamnon
zur Rush Hour sollten sie mit drei auskommen.
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