Widmung
Vor einigen Jahren
ereignete sich auf der thailändischen Ferieninsel Phuket
ein schrecklicher Unfall. Ein Haus, ein Bordell, fing Feuer
und brannte völlig ab. In den Trümmern fand man die
verkohlten Leichen der sehr jungen Frauen, fast noch Kinder,
die dort tätig gewesen waren. Sie waren bei lebendigem
Leib verbrannt. Man hatte sie an ihren Betten festgekettet und
sie konnten sich vor den Flammen nicht retten. Dieses Buch widme
ich jenen Frauen und hoffe, dass es mit dazu beitragen kann,
Verantwortliche aufzurütteln.
Mang-gon-Jai
Joo
Ein weiterer Schmerz kroch durch ihre Eingeweide. Joo krümmte
sich vor Qualen. Es dauert nicht mehr lange, dachte sie. Bald
ist es vorbei, bald ist das Kind da. Sie lag auf einer einfachen,
roh zusammen gezimmerten Liege auf einer dreckigen Matte. Die
Luft war stickig. Fliegen schwirrten in der Mittagshitze herum.
Nur wenig Licht drang durch die kleine Fensteröffnung und
sorgte in der alten Hütte für düstere Stimmung
- selbst zur Mitte des Tages. Ein neuer Schmerz schnitt in ihre
Einge-weide, eine neue Wehe. Sie kamen jetzt recht häufig.
Bald ist es vorbei, dachte Joo.
„Hol die Hexe“, sagte sie zu Top, ihrem etwa vierjährigen
Sohn.
Der Junge lief los und Joo war allein. Bald habe ich ein weiteres
Kind, dachte Joo. Das ist nicht gut. Obwohl sie erst 18 oder
19 Jahre alt war, ihr genaues Alter kannte Joo nicht, bekam
sie heute bereits ihr drittes Kind. Dieses Kind war anders als
die beiden ersten. Bei diesem Kind war sich Joo nicht sicher,
wer der Vater war. Sie hatte ihren Ehemann betrogen. Joo wollte
dieses Kind nicht. Eine neue Wehe überflutete sie. Joo
krümmte sich unter diesem Krampf. Hoffentlich kommt die
alte Hexe, ehe das Kind da ist, dachte sie. Sie blickte zur
Ruß geschwärzten Decke. Ein paar Mäuse turnten
dort oben und einige Geckos versuchten, Moskitos zu fangen.
Ob Wai, ihr Ehemann wohl ahnte, dass das Kind vielleicht nicht
von ihm war? Er hatte nie etwas in dieser Art zu ihr gesagt,
aber er hatte sie so merkwürdig angesehen.
Wie lange war sie wohl schon mit Wai verheiratet? Joo wusste
es nicht, einen Kalender besaß sie nicht. Sie war noch
sehr jung gewesen, dass wusste sie, als Wai sie zur Frau nahm.
„Wir sollten dich bald verhei-raten“, hatte ihre
Mutter gesagt, als Joo ihre erste Blutung bekam. Es war die
Zeit der Reisernte gewesen. Etliche junge Männer aus den
Nachbardörfern hatten sich zur Ernte als Tagelöhner
verdingt. Der große Herr, der die vielen Felder besaß,
zahlte sehr gut. Damals war sie auch als Tagelöhnerin beim
großen Herrn angestellt gewesen. Von Sonnenauf-gang bis
zum Einbruch der Dunkelheit musste sie auf den Reisfeldern arbeiten.
In gebückter Haltung schnitt sie mit einer kleinen Sichel
die Reispflanzen kurz über dem Boden ab. Andere Frauen
nahmen ihr die Pflanzen ab und breiteten sie zum Trocknen in
der Sonne aus – Stunde um Stunde, Tag um Tag. Sehr früh
morgens, es war noch dunkel, musste sie aufstehen, die Feuerstelle
anheizen und das Essen für die Eltern und älteren
Geschwister bereiten. Dann, es war immer noch dunkel, ging sie
durch den kleinen Wald zu den Feldern, wo die anderen Arbeiter
schon warteten. Sobald dann die Sonne aufging und man etwas
erkennen konnte, wurde mit der Arbeit begonnen. Schnell begann
der Rücken zu schmerzen. Bald stand die glühende Sonne
hoch am Himmel und brannte auf ihren Körper. Es war eine
harte Arbeit. Sie sehnte sich dem Sonnenuntergang entgegen.
Abends wurde es etwas kühler. „Ton-Jen - der kühle
Tagesabschnitt“, nannte man in ihrer Sprache den Abend.
Einen Monat lang leistete sie, wie auch die anderen, diese schwere
Arbeit. So verdiente sie etwas Geld. 50 Baht (etwa 1 Euro) erhielt
sie für jeden Tag, den sie auf den Feldern schuftete. Das
war viel weniger als die Männer für die gleiche Arbeit
erhielten, aber Joo war zufrieden. Sie wusste, dass sie nie
den gleichen Lohn wie ein Mann erhalten würde.
Damals, bei der Erntearbeit, hatte sie ihn zum ersten Mal gesehen
- Wai, der sie später geheiratet hatte. Sie mochte ihn
nicht und außer-dem kam er aus einem fremden Dorf, das
tat ein Übriges. Fast jeden Tag sah sie damals diesen Mann.
Oft blickte er zu ihr herüber. Sofort drehte Joo sich so,
dass sie ihn nicht ansehen musste. Als dann der Ernte-monat
vorüber war, stand dieser Mann eines Abends vor ihrer Hütte
und verlangte, ihrem Vater zu sprechen. Joo wusste, was das
bedeutete, man verhandelte über ihre Heirat, über
ihren Verkauf. Dann bestätigte ihr ihre Mutter, dass sie
diesen fremden Mann aus dem Nachbardorf heiraten werde. Seinen
ganzen Verdienst aus diesem Erntemonat hatte er für Joo
bezahlt und den Verdienst der Erntemonate der folgenden zwei
Jahre auch. Wenige Tage später fand die Hochzeit statt.
Neun Mönche segneten ihr Zusammensein. Dann begann die
Feier. Das ganze Dorf war zu Gast. Es wurde gelacht und gesungen,
getrunken und gegessen. Es war damals ein großes Fest
gewesen. Am nächsten Morgen verließ Joo das Dorf,
in dem sie bislang gelebt hatte.
Stets drei Schritte hinter ihrem Ehemann gehend, wanderten
sie in Richtung des Dorfes ihres Mannes. Während ihr Mann
lediglich einen leichten Wanderstab bei sich trug, hatte Joo
eine schwere Kiepe auf den Rücken geschnallt. Hierin und
in einem Sack, den sie in den Händen hielt, befanden sich
ihre wenigen Habseligkeiten. Der Sack war schwer gewesen und
oft musste sie ihn von einer Hand in die andere wechseln, während
die Sonne vom Himmel brannte. Am späten Abend erreichten
sie das Dorf von Wai, ihres Ehemannes, wo sie von den dortigen
Dorf-bewohnern neugierig beäugt wurde. Die Eltern und Geschwister
von Wai saßen vor ihrer Hütte.
„Das ist meine Frau“, sagte Wai. „Ich habe
mir eine Frau mitgebracht von dem Geld, welches ich für
meine Arbeit erhalten habe. Sie heißt Joo.“ Der
Vater von Wai nickte uninteressiert. Joo hatte sich damals in
den Staub vor die Füße der Eltern von Wai geworfen.
„Ich bin eure neue Tochter“, hatte sie gesagt „und
ich bitte euch, mich zu lieben.“ Dann hatte sie die Füße
der neuen Eltern geküsst. „Kümmere dich um das
Essen“, hatte die Mutter von Wai gesagt und zur Feuerstelle
gezeigt. Joo erinnerte sich noch gut daran.
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