Sie hatten damals nicht lange
im Haus ihrer Schwiegereltern gelebt. Wai baute eine eigene
Hütte. Joo half dabei. Es wurde eine schöne Hütte
- es war die, in der sie jetzt lag.
Ein neuer Schmerz, eine weitere Wehe schnitt
durch ihren jungen Körper. Hoffentlich kommt die alte Hexe
bald, hoffte Joo. Erneut dachte sie an die vergangene Zeit zurück.
Quasi über Nacht war sie damals Ehefrau
geworden und war ihrem Mann in dessen Dorf gefolgt. Sie kannte
ihre Pflichten. Früh morgens, ihr Mann schlief noch, stand
sie von der gemeinsamen Matte auf. Sie heizte die Feuerstelle
ein. Der dichte Qualm des meist feuchten Holzes stieg ihr in
die Nase und brachte ihre Augen zum Tränen und sie musste
husten.
Wenn dann das Feuer endlich brannte, begann sie, Reis zu dämpfen.
Den klebrigen Reis füllte sie in zwei Bambuskörbchen
als Wegzehrung für ihren Mann, den sie dann weckte. Stets
mürrisch stand er auf, nahm den Reis und ging. Nicht einmal
sagte er ein freundliches Wort zu Joo.
Es war noch dunkel, wenn ihr Mann ging. Wai war Fischer und
arbeitete am nahe gelegenen Fluss. Dort legte er abends Reusen
aus, in denen er am anderen Morgen kleinere Fische und Krebse
fand. Den ganzen Tag, bis zum Einbruch der Dunkelheit, verbrachte
Wai am Fluss. Wai war ein fleißiger Mann. Joo und ihr
Mann hatten, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, meist
ausreichend zu essen. Der Fluss gab früher ausreichend
Fische her.
Joo selbst grub in den Wäldern und Feldern
während des Tages nach essbaren Wurzeln. Auch war sie recht
geschickt im Fangen von Kröten und Käfern, die gut
zubereitet, ganz hervorragend schmeckten.
Hunger litten sie selten, aber sie besaßen kein Geld.
Luxusgüter, wie zum Beispiel ein Kühlschrank oder
gar ein Gasherd, waren ihnen daher verwehrt. Sehr schnell wurde
Joo damals, sie war selbst noch ein Kind, schwanger und gebar
bald ihren ersten Sohn. Sie nannten ihn Top.
Joo überlegte, wie alt Top jetzt sei. Drei Reisernten hatte
es seitdem gegeben, die vierte Ernte stand bevor. Er musste
also fast vier Jahre alt sein.
Neue Wehen kamen. Joo ließ sie über
sich ergehen. Es würde nicht mehr lange dauern. Wenn nur
die alte Hexe rechtzeitig käme. Sie hatte Angst, ganz ohne
Hilfe das neue Kind gebären zu müssen. Die alte Hexe
kannte sich mit so etwas aus.
Eigentlich war ihr Leben bislang recht gut
verlaufen, dachte Joo. Das erste Kind war ein Junge, das war
gut. Dass das zweite Kind nur ein Mädchen war – sie
hatten es Noi genannt - war nicht so wichtig, da sie ja bereits
einem Jungen das Leben geschenkt hatte. Ob dieses dritte Kind
ein Junge oder ein Mädchen sein würde, war Joo egal.
Sie wollte dieses Kind nicht. Vielleicht kam es ja tot zur Welt,
das wäre gut.
Joo wusste nicht, wer der Vater dieses Kindes war. Vielleicht
war es ja Wai, ihr Ehemann. Dann war alles in Ordnung. Vielleicht
war es aber der andere Mann, der, mit dem sie Wai betrogen hatte.
Joo überlegte, wie schon so oft vorher. Ja, von der Zeit
her war es möglich, dass der andere Mann der Vater dieses
Kindes war. Sie hatte damals in den großen Riedfeldern
am Fluss gearbeitet. Sie brauchte Riedstängel, um ihr Dach
auszubessern. Sie war zum Dorfvorsteher, dem „Phuu-Jai-Baan“
gegangen und hatte die Genehmigung zum Schneiden von Ried erbeten.
Dann stand sie in den Feldern mit den hohen Riedpflanzen am
Fluss. Die Riedpflanzen waren so hoch, dass Joo nicht darüber
hinwegsehen konnte, ein dichter unüberschaubarer Wald.
Es war nicht ungefährlich in diesen Feldern.
Giftige Schlangen, Kobras, lebten in den Riedfeldern. Aber Joo
kannte diese Tiere, seit sie ein kleines Mädchen war und
hatte keine Angst vor ihnen. Außerhalb des Feldes stand
eine kleine unbewohnte Hütte, eher ein Unterstand mit drei
Wänden, nach einer Seite hin offen. In diesem Unterstand,
man nannte ihn Salaa, stand eine breite Bank. Hier nahmen die
Feldarbeiter und Fischer um die Mittagszeit ihre karge Mahlzeit
ein und waren dabei etwas vor der brennenden Sonne geschützt.
Auch Joo legte eine Arbeitspause ein und hockte sich in die
Hütte, um ihren mitgebrachten Reis zu essen. Sie war damals
allein gewesen. Niemand sonst hatte an diesem Tag den Unterstand
aufgesucht. Während sie von ihrem Reis aß, sah sie
in der Ferne einen Mann kommen.
Wer das wohl sein mochte? Bald, als er näher
kam, erkannte sie ihn. Es war der Dorfvorsteher, der „Phuu-Jai-Baan“.
„Sawadii khaa“, grüßte Joo artig, indem
sie die Hände flach vor dem Körper zusammenlegte und
sich lächelnd verbeugte. „Sawadii“, erwiderte
er knapp. Dann setzte er sich auf die Bank neben Joo und begann
ihren Reis zu essen. „Hast du schon viele Riedstängel
geschnitten?“ „Ja, ich bin schon seit Sonnenaufgang
hier am Arbeiten. Es ist leichte Arbeit, ich werde bald fertig
sein.“
Der Dorfvorsteher hatte Joo angesehen. Es war ihr unheimlich.
„Du bist hübsch“, hatte er
damals gesagt. „Danke“, antwortete sie schüchtern.
„Du bist die hübscheste Frau in unserem Dorf“,
bekräftigte er, wobei er Joos an den Busen griff. Sofort
war Joo damals aufge-standen und hatte sich weggedreht. Sie
hatte plötzlich Angst vor dem Dorfvorsteher bekommen. „Komm
her!“, sagte der Dorfvorsteher. „Ich will dich haben.“
„So etwas mache ich nicht! Ich bin verheiratet.“
„Mit Wai, dem Trottel“, antwortete der Dorfvorsteher.
„Willst du dich mir widersetzen? Weißt du nicht,
wer ich bin?“ Joo hatte damals nicht geantwortet und nur
stumm genickt. „Heute, Saam-Thum, zur dritten Abendstunde,
will ich dich hier wieder treffen. Sei pünktlich, lass
mich nicht warten!“ Dann war er gegangen.
Joo mochte nicht mehr allein in den Riedfeldern
arbeiten. Sie bündelte die geschnittenen Stängel und
schleppte sie auf dem Rücken ins Dorf. Es waren noch nicht
sehr viele Stängel, aber es würde reichen.
Den ganzen Nachmittag über ging ihr der Vorfall mit dem
Dorfvorsteher nicht aus dem Kopf. Sie hatte Angst. Was sollte
sie tun? Sie konnte doch nicht Wai, ihren Ehemann, betrügen.
Andererseits konnte ihnen der Dorfvorsteher gewaltig schaden,
wenn sie ihm nicht zu Willen war.
Die Zeit bis zur dritten Abendstunde rückte näher.
Sie musste sich entscheiden. Joos Mann legte sich schlafen.
„Ich habe die Sichel am Feld vergessen“, sagte Joo.
„Ich gehe sie holen.“Wai antwortete nicht und Joo
ging los.
Wie jeden Tag war die Sonne kurz nach 18:00
Uhr untergegangen. Es war schon dunkle Nacht, als sie zum Fluss
kam und dort zu den Riedfeldern abbog. Im schwachen Licht der
Sterne konnte sie die alte Hütte am Riedfeld sehen. Vielleicht
ist er ja nicht da, dachte sie. Dann würde sie schnell
in ihr Dorf zurückkehren. Doch er war da. Er wartete bereits
auf sie. „Leg dich hin“, befahl er ihr. Joo zog
den Slip unter ihrem Sarong aus und legte sich gehorsam auf
die Bank. Der Phuu-Jai-Baan schob ihren Sarong nach oben und
legte sich auf sie. Sein Atem stank nach Alkohol, nach Lau-Khao
und Joo ekelte sich vor ihm.
Es ging schnell. Bald stand er auf, ordnete
seine Kleidung und ging ohne ein Wort zu sagen. Joo lag noch
immer auf der Bank und blickte zu den Sternen empor. Noch immer
glaubte sie seinen stinkenden Atem zu riechen und seine heftigen
Stöße zu fühlen. Warum das alles, fragte sie
sich. Weil ich arm bin. Mit einer reichen Frau hätte der
Phuu-Jai-Baan das sicher nicht getan. Reiche Leute waren immer
gut angesehen. Eines Tages werde ich Geld besitzen, nahm sie
sich vor. Wenn ich Geld habe, wird sich niemand trauen, mir
so etwas anzutun. Wenn man Geld hat, ist man angesehen. Ich
will in meinem Leben viel Geld haben.
Weitere Wehen durchliefen ihren Körper.
Der Schmerz hatte sie für eine Weile fest im Griff. Es
wurde Zeit, dass die alte Hexe kam.
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