Wai
Wai stand im Fluss und fischte. Fischen ist eine schwere und
auch oft gefährliche Arbeit. Die besten und größten
Fische gibt es an den Stellen, wo es gefährlich ist, aber
wer wagemutig ist, kann recht große Fische fangen. Gefährlich
ist es im Fluss zum Beispiel, wegen der giftigen Wasserschlangen
und der Krokodile wegen. Zwar geht jedes Jahr die Anzahl der
Krokodile zurück, in einigen Gegenden sind sie schon fast
ausgestorben, aber in dem Fluss, in dem Wai fischte, gab es
immer noch recht viele.
Wai war ein kleiner Mann. Dort, wo die großen, schmackhaften
Fische standen, ging ihm das Wasser bis zur Brust, oft sogar
höher. Das war sehr gefährlich. Mehr als einmal hatte
er gesehen, wie sich ganz lang-sam ein großer, dunkler
Schatten auf ihn zu bewegte, ein Krokodil. Wenn es ein großes
Tier war, wurde es Zeit, das Wasser schnellstens zu verlassen.
Einmal, es war schon etliche Jahre her, hatte er es übersehen.
Plötzlich spürte er einen Sog unter Wasser, als sich
das Tier seinen Beinen näherte. Erfahren in solchen Dingen,
tauchte Wai sofort. Es war zum Glück kein großes
Tier, welches er in der braunen Brühe nur schemen-haft
sehen konnte, sonst hätte er wohl an diesem Tag sein Leben
verloren.
Das Krokodil hatte keine Angst vor Wai. Unter Wasser glotzten
sie sich an. Es musste Wai gelingen, seine Schlinge über
den Rachen des Tieres zu ziehen. Eine gefährliche Arbeit
und dieses Mal ging es schief. Die Schlinge rutschte ab. Unerwartet
schnell tauchte das Tier unter Wais Körper hinweg und er
spürte, wie die Kiefer der Bestie in sein Bein schnappten.
Zwar war er damals mit seinem Leben davongekommen, aber eine
große Narbe zeugt seitdem von dieser Begegnung.
Auch die sehr giftigen Wasserschlangen waren recht gefährlich.
Zwar griffen sie nur selten an, aber wenn sie sich bedroht fühlten,
wurden sie recht aggressiv und ein Biss dieser Tiere führte
meist zum Tode. Eher lästig waren hingegen die Saugschnecken
und die Blutegel, die sich an seinem Körper festsaugten.
Oft musste Wai dann an Land zurück gehen, sich auf den
Boden setzen und versuchen, diese Plagegeister zu ent-fernen.
Fischen war eine schwere Arbeit. Ja, wenn er ein Boot gehabt
hätte wäre alles viel einfacher gewesen.
Wai stand auch an diesem Tag im Fluss und fischte. Er war bislang
nicht sehr erfolgreich gewesen. Ein paar kleine Fische, Flussschnecken
und Krebse waren bislang seine einzige Ausbeute. Die Sonne brannte
ihm auf den Kopf und oft musste er untertauchen, um den Kopf
etwas abzu-kühlen. „Wai!“, hörte er vom
Ufer die Stimme der Nachbarin.
„Wai! Deine Frau hat ein Kind geboren. Komm nach Hause!“
„Lass mich doch in Ruhe!“, antwortete Wai. „Ich
werde den unnützen Fresser schon früh genug sehen,
heute Abend.“ „Nein, heute Abend wirst du dein Kind
nicht sehen. Am Tag der Geburt schläft eine Frau nicht
mit einem Mann in der gleichen Hütte! Deine Frau und das
Kind schlafen heute Nacht bei mir.“ „Verschwinde,
du altes Schandmaul! Und was ist mit meinem Essen?“ „Ich
habe dir Reis gedämpft und in deine Hütte gestellt.
Mehr kannst du nicht erwarten. Auch für Morgen früh
habe ich deinen Reis schon bereitet.“ Wütend drehte
Wai der Frau den Rücken zu. Er wollte nicht mit ihr sprechen.
Die Nachbarin verließ kopfschüttelnd den Fluss. Wai
war wieder allein, wie meist.
Das dritte Kind, ging es Wai durch den Kopf. Joo, seine Frau,
würde ihn mit ihrer Gebärfreudigkeit noch ruinieren.
Wie sollte er bloß die vielen Mäuler stopfen? Erst
jetzt fiel ihm auf, dass er gar nicht gefragt hatte, ob es ein
Junge oder ein Mädchen war. Eigentlich war es ihm auch
egal.
In jedem Fall würde das Kind lange Jahre nichts zum Nahrungserwerb
der Familie beitragen. War es ein Junge, konnte er später
beim Fischfang helfen. Aber das war noch lange hin. Und wenn
es dann soweit war, würde sich der Junge sehr bald eine
Frau nehmen und mit ihr zusammen eine eigene Hütte erbauen.
So hatte Wai es auch gemacht. Dann würde der Junge für
seine eigene Familie Fische fangen und Wai hatte nichts davon.
Falls dieses neue Kind ein Mädchen war, wäre es noch
schlimmer. Es würde der Frau im Hause helfen. Er, Wai,
hätte gar keinen Vorteil davon. Wenn das Mädchen etwa
vierzehn oder fünfzehn Jahre alt war, konnte man es allerdings
verheiraten. Das Brautgeld würde dann für ein paar
schöne arbeitsfreie Monate sorgen. Wai schmunzelte, als
er daran dachte. Vielleicht sollte er sich von dem Brautgeld
dann ein Boot kaufen.
Aber nein, dachte er. Ein paar Monate ohne zu arbeiten, wäre
sicher schöner als ein Boot. Jeden Tag würde er in
der Trinkhalle bei den anderen Männern sitzen und jeden
Tag Bier trinken. Man würde ihn beneiden. Es würde
auch weiterhin ohne Boot gehen. Ja, Geld müsste man haben.
Dieser Tag blieb weiterhin erfolglos. Große Fische stellten
sich nicht ein und so schulterte er bald seine Strohkiepe und
wandte sich dem Dorf zu. Es würde auch bald dunkel werden.
In seiner Hütte fand er in einem Korb den gedämpften
Reis und eine Flasche Bier. Das Bier war gut, darauf freute
sich Wai. Der Reis jedoch war schwarzer Reis. Schwarzen Reis
mochte Wai nicht gern. Er wollte weißen Reis, wie die
feinen Leute ihn aßen. Er zündete eine Petroleumlampe
an, setzte sich auf den niedrigen Tisch vor seiner Hütte
und begann zu essen. Er aß den schwarzen Reis und dazu
einige seiner Fische. Es aß sie roh, er war zu faul, sie
zu braten. Dazu trank Wai von der großen Flasche Bier.
Drei Kinder, dachte Wai. Warum muss sie nur immer Kinder bekommen.
Wai hatte im Stillen gehofft, das Kind käme tot zur Welt.
War dieses Kind überhaupt von ihm? Seine Frau hatte einmal
versichert, dass das Kind ganz bestimmt von ihm, von Wai sei.
Warum nur, er hatte sie nicht danach gefragt. Hatte sie mit
einem anderen Mann geschlafen? Und wenn schon, es hätte
Wai nicht viel ausgemacht. Frauen taugen alle nichts, dachte
er. Wai kannte einen Mann, der seiner Frau Männer brachte,
mit denen sie schlafen musste. Das Geld dafür behielt dieser
Mann für sich, die Frau erhielt nichts. Dieser Mann macht
es richtig, dachte Wai. So sollte man es machen.
Frauen sind minderwertig. Für ihre schlechten Taten im
vorherigen Leben werden sie nun damit gestraft, in diesem Leben
nur Frauen zu sein. Irgendwie sind sie den Hunden ähnlich.
Andererseits hätte Wai gern mehrere Frauen gehabt*, aber
das war den reichen Männern vorbehalten. Für Wai würde
es ein unerreichbarer Traum bleiben.
*
Per Gesetz ist heute im Issaan die Vielehe verboten. Allerdings
kümmert sich kaum jemand darum. Ein Mann, der über
ausreichend Geld verfügt, leistet sich neben seiner „Mia-Luang“,
der Haupfrau, weitere Mia-Noi, Nebenfrau(en).
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