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Ein Bargirl, wie wird man eigentlich dazu?

Warum verlassen junge Frauen ihr bisher geregeltes Leben, um ein, wie sie selbst sagen ‚schlechtes Leben’ zu führen?

Sie stehen auf der sozialen Leiter ganz unten.

‚Anständige Menschen’ wollen mit ihnen nichts mehr zu tun haben.

Sie tun es im wesentlichen aus finanziellen Gründen.

Die Tragweite ihres Tuns wird ihnen oft erst viel später bewußt.

Goldene Ketten
(von Mang Gon Jai)

Phuu war eine kleine Verkäuferin an einem Marktstand. Früh morgens mußte sie aufstehen, um den Stand aufzubauen. Dann brachte der Besitzer ihres Standes, Phuu hatte selbstverständlich keinen eigenen Stand, die Waren. Phuu breitete all das Obst und Gemüse auf den flachen Tischen aus. Sie befestigte die Preisschilder an der Ware und baute die Waage auf. Phuu selbst brauchte keine Preisschilder, sie hatte alle Preise im Kopf. Bis zum Mittag verkaufte Phuu Obst und Gemüse. Dann räumte sie die nicht verkaufte Ware wieder in die Kisten, die der Besitzer des Standes abholte. Oft schimpfte dieser, wenn er meinte, Phuu habe zu wenig verkauft. Sie sei faul, sagte er dann. Aber Phuu machte sich nicht viel aus seinen Worten. Schon lange arbeitete Phuu auf diesem Markt. Seit sie von zu Hause fort war, hatte sie nichts anderes gemacht. Auch schon zu Hause, in einem kleinen Dorf im Issaan, hatte sie täglich auf dem Markt gesessen und ihre Waren verkauft. Damals waren es ihre Waren, das Geld, welches sie einnahm, gehörte ihr. Aber es war zu wenig. Nachdem ihr Mann sie verlassen hatte, reichte das verdiente Geld nicht mehr aus für sie und ihr Kind. Phuu ging in die Stadt, um hier ihr Geld zu verdienen. Ja, hier verdiente sie etwas mehr, aber viel war es immer noch nicht. Außerdem war das Leben in der Stadt viel teurer, als in ihrem Dorf. Zusätzlich mußte sie jetzt jeden Monat Geld zu ihrer Schwester schicken. Ihre Schwester zog das Kind von Phuu auf. Viele der Frauen, die Phuu kannte, hatten ein ähnliches Schicksal wie sie. Sie waren von ihren Männern verlassen worden und mußten ihre Kinder allein aufziehen. Alle thailändischen Männer sind schlecht, dachte Phuu oft. Alle verlassen ihre Ehefrau wegen einer anderen, einer jüngeren, einer hübscheren Frau. Einen thailändischen Mann würde sie nie wieder heiraten, das wußte Phuu. Es würde sie aber auch kein thailändischer Mann mehr haben wollen, sie war ja keine Jungfrau mehr und sie hatte ein Kind. Auch war Phuu schon lange aus dem heiratsfähigen Alter heraus. Vierzehn bis achtzehn Jahre, das war das richtige Alter. Phuu war aber schon fünfundzwanzig Jahre alt. Einen Farang, einen europäischen Touristen heiraten, das wäre schon was. Die heiraten auch alte Frauen wie sie. Aber wo sollte Phuu einen Farang kennenlernen. Hierhin, auf den Markt verirrte sich nur selten einer. Schon immer mochte Phuu Farangs. Schon als Kind, wenn Phuu hin und wieder mit ihrer Mutter in die Provinzhauptstadt gefahren war, hatte sie mit großen Augen die wenigen Europäer angestarrt. Ihre Mutter hatte sie deshalb oft gescholten. Einen fremden Mann anzustarren, ist unschicklich.

Als Phuu dann etwas älter war, war sie oft allein in der Provinzhauptstadt gewesen. Immer wieder mußte sie diese weißen Männer ansehen. Es gab nicht viele in der Stadt, aber immerhin einige. Sie hatten so wunderschöne runde Augen, und große, lange Nasen. Die Nasen der Männer mochte sie besonders gern und die Haut. Wenn die Fremden noch nicht lange in Thailand waren, war ihre Haut blütenweiß. Diese fremden Männer waren groß und kräftig. Phuu beobachtete sie natürlich nur heimlich. Hätten die Männer davon gewußt, hätte sich Phuu zu Tode geschämt. Nie im Leben hätte sie gewagt, einen der Männer anzusprechen. Phuu war eine anständige Frau. Phuu hatte eine sehr gute Freundin. Sie hieß Jing. Auch Jing arbeitete auf dem Markt. Jing verkaufte Fleisch. Diese Arbeit hätte Phuu nicht machen wollen. Jing war immer blutbeschmiert. Sie roch auch nach dem Blut und den Fleischabfällen, mit denen sie täglich zu arbeiten hatte. Nein, da hatte es Phuu schon besser getroffen.

Phuu und Jing waren täglich zusammen. Ab dem frühen Morgen sahen sie sich. Beim Aufbauen der Stände winkten sie sich schon fröhlich zu. Sie riefen sich einige Begrüßungen zu. Sprechen konnten sie sich am Vormittag jedoch kaum. Sie saßen hinter ihren Verkaufständen und lächelten sich zu. Sobald der Markt geschlossen wurde und Ihre Stände abgebaut worden waren, hatten sie jedoch Zeit für sich. Gemeinsam verbrachten sie dann die Nachmittage bis hin in die Nacht. Früher waren sie drei Freundinnen gewesen. Oy war die dritte. Auch Oy hatte auf dem Markt gearbeitet. Ab mittags, wenn die Stände abgebaut waren, durchstreiften sie zu dritt die Stadt. Sie hatten damals viel Spaß zusammen, sie waren unzertrennlich. Oy war immer lustig und machte stets irgend­welchen Blödsinn. Doch eines Tages ging Oy. Sie hatte eine Arbeitsstelle als Serviererin in einem Restaurant im fernen Pattaya angenommen. Oy konnte dort sehr viel Geld verdienen. Phuu und Jing hatten Oy seitdem nie wieder gesehen. Eigentlich waren Phuu und Jing jeden Tag zusammen, alles machten sie stets gemeinsam, außer gestern. Gestern wurde nämlich der jüngere Bruder von Jing zum Mönch geweiht. Das war ein großes Familienfest. Jing war zu ihrer Familie gefahren.

Zu Fuß war sie nach Marktschluß zum Busbahnhof gelaufen. Von dort fuhr sie zwei Stunden mit dem Bus in ihr Dorf. Das war allerdings lange nicht so weit, wie die Fahrt in das Dorf von Phuu. Heute, am ganz frühen Morgen, war Jing zurückgekommen. Sie winkten sich zu, während sie ihre Stände aufbauten. Wenige Sätze konnten sie sich durch den allgemeinen Lärm zuwerfen. „War es schön, gestern?“, rief Phuu. „Ja, ich muß Dir ganz viel erzählen. Wir müssen uns nachher ganz schnell treffen.“ „Hast Du mir etwas mitgebracht?“ „Natürlich, ich habe Dich doch nicht vergessen. Süßes Gebäck habe ich Dir von der Feier mitgebracht.“ Süßes Gebäck aß Phuu für ihr Leben gern. Sie hatte allerdings Sorge, davon dick zu werden. „Prima, ich freue mich.“

„Phuu“, rief Jing, „rate einmal, wen ich gestern in der Stadt am Busbahnhof getroffen habe. Du wirst es nicht glauben.“ „Sag schon, wen Du getroffen hast. Sicher den Mann mit den langen Haaren, der Dir laufend nachsteigt.“ „Unsinn, der interessiert mich überhaupt nicht. Ich habe Oy getroffen.“ Oy! Phuu war betroffen. Oy hatte sie schon fast vergessen. Oy war hier in der Stadt. Wie gern hätte sie Oy wiedergesehen. Wie gern hätte sie mit ihr gesprochen. „Du mußt mir von ihr erzählen, nachher, wenn der Markt geschlossen ist.“

Beide hatten zu arbeiten. Sie konnten sich kaum noch etwas zurufen. Sie sahen sich an und lächelten. In wenigen Stunden würde Phuu alles Wichtige erfahren. Bald würden sie zusammen sprechen können, doch an diesem Tag vergingen die Stunden sehr langsam. Endlich wurde der Markt geschlossen. Schnell die Stände abgebaut und das nicht verkaufte Gemüse in die Kisten verpackt. Phuu half noch mit, die Kisten auf den Wagen des Standbesitzers zu laden. Dann endlich hatte sie frei. Jing wartete schon.

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