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„Erzähl mir“, drängte Phuu. „Langsam, laß uns in mein Zimmer gehen. Wir essen süßes Gebäck und ich erzähle Dir alles.“ Endlich, im Zimmer von Jing, begann diese dann zu erzählen. Als erstes legte sie eine kleine, goldene Kette vor Phuu auf den Boden. Einen Tisch besaß Jing nicht. „Die ist für Dich, ich soll sie Dir von Oy geben“, erklärte Jing. „Die Kette ist wunderschön. Wie kann Oy so etwas verschenken?“ „Sie hat viele davon um ihren Hals hängen. Auch mir hat sie eine Kette geschenkt. Sieh nur.“ Jing zeigte die kleine Goldkette, die sie um den Hals trug. Phuu hatte die Kette bislang noch gar nicht bemerkt. „Sie sind sehr schön, diese Ketten. Wie kann Oy nur so etwas verschenken?“ „Ich sagte Dir schon, Oy hat sehr viele davon. Armbänder hat sie auch und eine Uhr. Oy trägt ganz schicke Kleider. Sehr teure Kleider, Oy verdient sehr viel Geld.“ „Als sie nach Pattaya fuhr, wollte sie als Bedienung in einem Restaurant arbeiten. Sicher verdient sie dort mehr Geld als wir. Aber so viel, daß sie goldene Ketten trägt? Ich mag es nicht glauben. Hast Du gefragt, was Oy für eine Arbeit macht?“ „Es ist wohl so etwas wie ein Restaurant, wo Oy arbeitet. Es gibt dort allerdings nichts zu essen. Nur trinken können die Gäste dort. Es ist auch nur ein ganz kleines Restaurant, in dem Oy arbeitet. Trotzdem arbeiten dort weitere acht junge Frauen. Alle verdienen sehr viel Geld.“ „Haben sie dort so viele Gäste?“ „Ja, alle Gäste sind Farangs. Sie geben furchtbar viel Trinkgeld. Alle sind sehr reich.“ „Und Oy serviert nur? Mehr tut sie nicht?“ „Sie serviert den Fremden Bier. Oft sitzt sie jedoch auch bei den Gästen und unterhält sich mit ihnen. Alle Frauen machen das, sagt Oy. Mehr tut sie nicht.“ Phuu dachte nach. „Glaubst Du das?“, fragte sie schließlich. „Ich weiß es nicht. Nein! Ich glaube, so viel kann man mit servieren von Getränken nicht verdienen.“ „Du meinst, Oy tut etwas sehr schlimmes? Du glaubst, Oy...“ Phuu sprach nicht aus, was sie dachte. „Ich weiß es nicht. Aber es ist möglich. Oy schläft mit den Gästen für Geld. Diese bezahlen dafür sehr viel, das habe ich einmal gehört.“ „Aber Oy hat das doch nicht gesagt?“, fragte Phuu. „Nein, sie hat gesagt, sie serviert lediglich Getränke. Hin und wieder unterhält sie sich mit den Gästen. Mehr tut sie nicht.“ „Wenn ich für nur Unterhalten so viel Geld verdienen würde, machte ich es auch und Du?“ „Wenn ich bestimmt nicht mit den Gästen schlafen müßte, ja, dann würde ich auch Getränke in Pattaya servieren.“

In der folgenden Nacht lag Phuu lange wach. Sie betrachtete die kleine Goldkette und dachte an Oy. Wenn man nichts Schlimmes tat und trotzdem viel Geld verdienen könnte, das wäre schon etwas. Ja, Phuu würde auch nach Pattaya gehen. Sehr oft unterhielten sich Phuu und Jing in der nächsten Zeit über dieses Thema. Doch im Laufe der Zeit vergaßen sie es mehr und mehr. Der Alltag hatte sie wieder eingeholt. Dann wurden sie jedoch plötzlich erneut auf dieses Thema aufmerksam gemacht: Früh am Morgen, es war noch dunkel, befand sich Phuu auf dem Weg zur Arbeit, auf dem Weg zum Markt. Eine ältere Frau stand an der Straße. Sie betrachtete die vorbeigehenden Leute und gab einigen, stets Frauen, einen Zettel. Auch Phuu erhielt einen solchen Zettel. Sie steckte ihn achtlos ein. Spät am Vormittag, Phuu saß hinter ihrem Marktstand, fiel ihr der Zettel wieder ein. Sie holte ihn hervor. Phuu sah, wie Jing neugierig zu ihr herüberblickte. Jing wollte stets alles wissen. Der Zettel enthielt ein Angebot für eine Arbeitsstelle auf der Insel Phuket: Junge Frauen als Bedienung in Phuket gesucht. Leichte Serviertätigkeit – Hohes Einkommen. Interessierte junge Frauen wenden sich bitte an: ... Es folgte eine Adresse und Telefon-Nummer.

Phuu winkte zu Jing hinüber, sie hielt den Zettel hoch. Jing nickte, heute Nachmittag würden sie dieses Blatt näher begutachten. Nachmittags saßen die beiden erneut in Jing's Zimmer. Sie saßen auf dem Boden, tranken Cola und brüteten über dem Zettel. „Wo ist Phuket?“, fragt Phuu. „Ich glaube, im Süden. Es ist weit dorthin.“ „Wir haben kein Geld, dorthin zu fahren.“ „Nein, aber anrufen können wir. Eine Telefonnummer steht ja auf dem Zettel.“ „Wollen wir? Ich traue mich nicht recht.“ „Anrufen schadet ja nicht. Wir rufen an und horchen, dann legen wir schnell wieder auf. Komm, wir rufen an.“ Gemeinsam gingen sie zur Telefonzelle. Von dort riefen sie die angegebene Nummer an. Eine Frau meldete sich. Sie hatte eine sehr freundliche Stimme. „Ich, wir... also, wir haben einen Zettel...“, stammelte Phuu. „Ach, Du rufst wegen der schönen Stelle in Phuket an“, sagte die Frau. „Ja, ich weiß nicht, meine Freundin und ich...“ Sie wußte nicht, was sie sagen sollte. „Besuch mich doch einfach und bring Deine Freundin mit. Wir trinken einen Tee zusammen und ich erkläre Euch alles. Es ist wirklich eine sehr schöne Arbeitsstelle.“„Wann sollen wir kommen?“ „Am besten jetzt gleich. Nehmt ein Taxi, das geht schneller.“ „Ein Taxi ist teuer“, sagte Phuu. „Sagt dem Fahrer, ich bezahle ihn, wenn ihr bei mir seid“, schlug die Frau vor. „OK.“ „OK, bis gleich.“ „Du bist verrückt!“, sagte Jing, „Ich fahre da nicht mit hin, ich habe Angst.“ „Wovor hast Du Angst?“ „Ich weiß es nicht, aber ich habe Angst.“ Beide überlegten. Phuu fühlte ihr Herz bis zum Hals klopfen. Endlich sprach Jing: „Wir können es uns ja einmal ansehen. Das Taxi kostet ja nicht unser Geld. Und einen Tee bekommen wir auch noch. Wir sind ja zu zweit, was soll uns schon passieren.“

Sie nahmen ein Taxi und fuhren zu der angegebenen Adresse. Eine hübsche junge Frau öffnete ihnen. Sie bezahlte, wie versprochen, das Taxi. Dann bat sie die beiden ins Haus. „Setzt Euch, ich hole nur eben den Tee.“ Phuu und Jing setzten sich auf die Stühle. Diese Frau besaß Tische und Stühle und ein Sofa und ein Fernsehgerät. Alles in diesem Haus sah sehr teuer aus. Sicher war die Frau sehr reich oder hatte einen sehr reichen Ehemann. Die Frau kam zurück. Sie selbst schenkte den beiden den Tee ein, in kleine dünne Porzellantassen, sehr schöne Tassen. „Ihr sucht also eine Arbeitsstelle“, begann die Frau. „Nein, wir haben Arbeit, wir arbeiten auf dem Markt“, erklärte Jing. „Das ist keine schöne Arbeit“, sagte die Frau, „viel Arbeit, schwere schmutzige Arbeit und wenig Geld.“ „Ja, das stimmt. Und morgens müssen wir sehr früh aufstehen.“ „Vielleicht kann ich Euch helfen. Es ist nicht leicht, aber ich mag Euch. Ich denke, ich habe eine schöne Arbeit für Euch, leichte Arbeit und viel Geld.“

„Was sollen wir tun?“ „Ihr arbeitet als Serviererin in einem Restaurant auf der Insel Phuket.“ „Können wir beide dort arbeiten, oder nur eine von uns?“ „Ich werde Euch helfen. Ich denke, daß wir euch beide dort unterbringen können.“ Sie war eine nette Frau. Es gab weiteren Tee und süßes Gebäck dazu. Es war ein schöner Nachmittag. Am nächsten Tag sollten beide wiederkommen, sagte die Frau. Morgen sei dann auch der Besitzer des Restaurants da. Sie könnten dann alles mit ihm persönlich besprechen. Und, falls sie doch nicht nach Phuket fahren wollten, so sei das nicht schlimm, sie sei ihnen nicht böse.

Die Zeit verging langsam. Endlich wurde der Markt geschlossen und sie konnten zu der Frau fahren. Sie nahmen wieder ein Taxi, sie mußten es ja nicht bezahlen. Die Frau schien sie schon zu erwarten. Eine weitere junge Frau war heute anwesend. Sie war die Schwester des Restaurantbesitzers, sagte man ihnen. Bei Tee und süßem Gebäck wurde dann alles besprochen. Sie bekamen die Arbeitsstelle. Sie waren als Bedienung in einem Restaurant eingestellt. Schon sehr bald sollten sie nach Phuket fahren. „Wir servieren dort lediglich, wir müssen nicht mit den Gästen gehen?“, fragte Jing zweifelnd. „Wo denkt Ihr hin, es ist ein anständiges Restaurant, so etwas dulden wir dort nicht.“ Phuu und Jing sagten zu und unterschrieben ein Blatt Papier. Das, was auf dem Blatt stand, lasen sie nicht, beide konnten auch nur sehr schlecht lesen. Und dann geschah fast ein Wunder. Die Schwester des Restaurantbesitzers gab jeder von ihnen 5.000 Baht (etwa 125,00 Euro). Das war so viel Geld. „Ihr müßt es mir nur quittieren, sonst glaubt mein Bruder, ich hätte das Geld für mich genommen.“ Alle lachten über diesen Scherz.

„Morgen geht ihr nicht arbeiten!“, sagte die Schwester des Restaurantbesitzers, „Morgen fahren wir in die Stadt. Wir kaufen neue Kleider für Euch. Ihr braucht moderne Jeans und T-Shirts und schicke Unterwäsche. „Das sollen wir dann von unseren 5000 Baht bezahlen?“, fragte Jing. „Nein, alles bezahle ich. Auch die teure Busfahrt nach Phuket werde ich bezahlen. Ihr müßt es mir nur quittieren. Ihr wißt schon, sonst denkt mein Bruder...“, sie lachten.

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