Erzähl mir, drängte Phuu.
Langsam, laß uns in mein Zimmer gehen. Wir essen
süßes Gebäck und ich erzähle Dir alles.
Endlich, im Zimmer von Jing, begann diese dann zu erzählen.
Als erstes legte sie eine kleine, goldene Kette vor Phuu auf
den Boden. Einen Tisch besaß Jing nicht. Die ist
für Dich, ich soll sie Dir von Oy geben, erklärte
Jing. Die Kette ist wunderschön. Wie kann Oy so etwas
verschenken? Sie hat viele davon um ihren Hals hängen.
Auch mir hat sie eine Kette geschenkt. Sieh nur. Jing
zeigte die kleine Goldkette, die sie um den Hals trug. Phuu
hatte die Kette bislang noch gar nicht bemerkt. Sie sind
sehr schön, diese Ketten. Wie kann Oy nur so etwas verschenken?
Ich sagte Dir schon, Oy hat sehr viele davon. Armbänder
hat sie auch und eine Uhr. Oy trägt ganz schicke Kleider.
Sehr teure Kleider, Oy verdient sehr viel Geld. Als
sie nach Pattaya fuhr, wollte sie als Bedienung in einem Restaurant
arbeiten. Sicher verdient sie dort mehr Geld als wir. Aber so
viel, daß sie goldene Ketten trägt? Ich mag es nicht
glauben. Hast Du gefragt, was Oy für eine Arbeit macht?
Es ist wohl so etwas wie ein Restaurant, wo Oy arbeitet.
Es gibt dort allerdings nichts zu essen. Nur trinken können
die Gäste dort. Es ist auch nur ein ganz kleines Restaurant,
in dem Oy arbeitet. Trotzdem arbeiten dort weitere acht junge
Frauen. Alle verdienen sehr viel Geld. Haben sie
dort so viele Gäste? Ja, alle Gäste sind
Farangs. Sie geben furchtbar viel Trinkgeld. Alle sind sehr
reich. Und Oy serviert nur? Mehr tut sie nicht?
Sie serviert den Fremden Bier. Oft sitzt sie jedoch auch
bei den Gästen und unterhält sich mit ihnen. Alle
Frauen machen das, sagt Oy. Mehr tut sie nicht. Phuu dachte
nach. Glaubst Du das?, fragte sie schließlich.
Ich weiß es nicht. Nein! Ich glaube, so viel kann
man mit servieren von Getränken nicht verdienen.
Du meinst, Oy tut etwas sehr schlimmes? Du glaubst, Oy...
Phuu sprach nicht aus, was sie dachte. Ich weiß
es nicht. Aber es ist möglich. Oy schläft mit den
Gästen für Geld. Diese bezahlen dafür sehr viel,
das habe ich einmal gehört. Aber Oy hat das
doch nicht gesagt?, fragte Phuu. Nein, sie hat gesagt,
sie serviert lediglich Getränke. Hin und wieder unterhält
sie sich mit den Gästen. Mehr tut sie nicht. Wenn
ich für nur Unterhalten so viel Geld verdienen würde,
machte ich es auch und Du? Wenn ich bestimmt nicht
mit den Gästen schlafen müßte, ja, dann würde
ich auch Getränke in Pattaya servieren.
In der folgenden Nacht lag Phuu lange wach.
Sie betrachtete die kleine Goldkette und dachte an Oy. Wenn
man nichts Schlimmes tat und trotzdem viel Geld verdienen könnte,
das wäre schon etwas. Ja, Phuu würde auch nach Pattaya
gehen. Sehr oft unterhielten sich Phuu und Jing in der nächsten
Zeit über dieses Thema. Doch im Laufe der Zeit vergaßen
sie es mehr und mehr. Der Alltag hatte sie wieder eingeholt.
Dann wurden sie jedoch plötzlich erneut auf dieses Thema
aufmerksam gemacht: Früh am Morgen, es war noch dunkel,
befand sich Phuu auf dem Weg zur Arbeit, auf dem Weg zum Markt.
Eine ältere Frau stand an der Straße. Sie betrachtete
die vorbeigehenden Leute und gab einigen, stets Frauen, einen
Zettel. Auch Phuu erhielt einen solchen Zettel. Sie steckte
ihn achtlos ein. Spät am Vormittag, Phuu saß hinter
ihrem Marktstand, fiel ihr der Zettel wieder ein. Sie holte
ihn hervor. Phuu sah, wie Jing neugierig zu ihr herüberblickte.
Jing wollte stets alles wissen. Der Zettel enthielt ein Angebot
für eine Arbeitsstelle auf der Insel Phuket: Junge Frauen
als Bedienung in Phuket gesucht. Leichte Serviertätigkeit
Hohes Einkommen. Interessierte junge Frauen wenden sich
bitte an: ... Es folgte eine Adresse und Telefon-Nummer.
Phuu winkte zu Jing hinüber, sie hielt
den Zettel hoch. Jing nickte, heute Nachmittag würden sie
dieses Blatt näher begutachten. Nachmittags saßen
die beiden erneut in Jing's Zimmer. Sie saßen auf dem
Boden, tranken Cola und brüteten über dem Zettel.
Wo ist Phuket?, fragt Phuu. Ich glaube, im
Süden. Es ist weit dorthin. Wir haben kein
Geld, dorthin zu fahren. Nein, aber anrufen können
wir. Eine Telefonnummer steht ja auf dem Zettel. Wollen
wir? Ich traue mich nicht recht. Anrufen schadet
ja nicht. Wir rufen an und horchen, dann legen wir schnell wieder
auf. Komm, wir rufen an. Gemeinsam gingen sie zur Telefonzelle.
Von dort riefen sie die angegebene Nummer an. Eine Frau meldete
sich. Sie hatte eine sehr freundliche Stimme. Ich, wir...
also, wir haben einen Zettel..., stammelte Phuu. Ach,
Du rufst wegen der schönen Stelle in Phuket an, sagte
die Frau. Ja, ich weiß nicht, meine Freundin und
ich... Sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Besuch
mich doch einfach und bring Deine Freundin mit. Wir trinken
einen Tee zusammen und ich erkläre Euch alles. Es ist wirklich
eine sehr schöne Arbeitsstelle.Wann sollen
wir kommen? Am besten jetzt gleich. Nehmt ein Taxi,
das geht schneller. Ein Taxi ist teuer, sagte
Phuu. Sagt dem Fahrer, ich bezahle ihn, wenn ihr bei mir
seid, schlug die Frau vor. OK. OK, bis
gleich. Du bist verrückt!, sagte Jing,
Ich fahre da nicht mit hin, ich habe Angst. Wovor
hast Du Angst? Ich weiß es nicht, aber ich
habe Angst. Beide überlegten. Phuu fühlte ihr
Herz bis zum Hals klopfen. Endlich sprach Jing: Wir können
es uns ja einmal ansehen. Das Taxi kostet ja nicht unser Geld.
Und einen Tee bekommen wir auch noch. Wir sind ja zu zweit,
was soll uns schon passieren.
Sie nahmen ein Taxi und fuhren zu der angegebenen
Adresse. Eine hübsche junge Frau öffnete ihnen. Sie
bezahlte, wie versprochen, das Taxi. Dann bat sie die beiden
ins Haus. Setzt Euch, ich hole nur eben den Tee.
Phuu und Jing setzten sich auf die Stühle. Diese Frau besaß
Tische und Stühle und ein Sofa und ein Fernsehgerät.
Alles in diesem Haus sah sehr teuer aus. Sicher war die Frau
sehr reich oder hatte einen sehr reichen Ehemann. Die Frau kam
zurück. Sie selbst schenkte den beiden den Tee ein, in
kleine dünne Porzellantassen, sehr schöne Tassen.
Ihr sucht also eine Arbeitsstelle, begann die Frau.
Nein, wir haben Arbeit, wir arbeiten auf dem Markt,
erklärte Jing. Das ist keine schöne Arbeit,
sagte die Frau, viel Arbeit, schwere schmutzige Arbeit
und wenig Geld. Ja, das stimmt. Und morgens müssen
wir sehr früh aufstehen. Vielleicht kann ich
Euch helfen. Es ist nicht leicht, aber ich mag Euch. Ich denke,
ich habe eine schöne Arbeit für Euch, leichte Arbeit
und viel Geld.
Was sollen wir tun? Ihr arbeitet
als Serviererin in einem Restaurant auf der Insel Phuket.
Können wir beide dort arbeiten, oder nur eine von
uns? Ich werde Euch helfen. Ich denke, daß
wir euch beide dort unterbringen können. Sie war
eine nette Frau. Es gab weiteren Tee und süßes Gebäck
dazu. Es war ein schöner Nachmittag. Am nächsten Tag
sollten beide wiederkommen, sagte die Frau. Morgen sei dann
auch der Besitzer des Restaurants da. Sie könnten dann
alles mit ihm persönlich besprechen. Und, falls sie doch
nicht nach Phuket fahren wollten, so sei das nicht schlimm,
sie sei ihnen nicht böse.
Die Zeit verging langsam. Endlich wurde der
Markt geschlossen und sie konnten zu der Frau fahren. Sie nahmen
wieder ein Taxi, sie mußten es ja nicht bezahlen. Die
Frau schien sie schon zu erwarten. Eine weitere junge Frau war
heute anwesend. Sie war die Schwester des Restaurantbesitzers,
sagte man ihnen. Bei Tee und süßem Gebäck wurde
dann alles besprochen. Sie bekamen die Arbeitsstelle. Sie waren
als Bedienung in einem Restaurant eingestellt. Schon sehr bald
sollten sie nach Phuket fahren. Wir servieren dort lediglich,
wir müssen nicht mit den Gästen gehen?, fragte
Jing zweifelnd. Wo denkt Ihr hin, es ist ein anständiges
Restaurant, so etwas dulden wir dort nicht. Phuu und Jing
sagten zu und unterschrieben ein Blatt Papier. Das, was auf
dem Blatt stand, lasen sie nicht, beide konnten auch nur sehr
schlecht lesen. Und dann geschah fast ein Wunder. Die Schwester
des Restaurantbesitzers gab jeder von ihnen 5.000 Baht (etwa
125,00 Euro). Das war so viel Geld. Ihr müßt
es mir nur quittieren, sonst glaubt mein Bruder, ich hätte
das Geld für mich genommen. Alle lachten über
diesen Scherz.
Morgen geht ihr nicht arbeiten!,
sagte die Schwester des Restaurantbesitzers, Morgen fahren
wir in die Stadt. Wir kaufen neue Kleider für Euch. Ihr
braucht moderne Jeans und T-Shirts und schicke Unterwäsche.
Das sollen wir dann von unseren 5000 Baht bezahlen?,
fragte Jing. Nein, alles bezahle ich. Auch die teure Busfahrt
nach Phuket werde ich bezahlen. Ihr müßt es mir nur
quittieren. Ihr wißt schon, sonst denkt mein Bruder...,
sie lachten.
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