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Gegen zehn Uhr morgens erreichten sie Bangkok, Bahnhof "Hualampong". Ein quirliges Durcheinander von Menschen. Sie wurden geschoben und gestoßen, verloren sich aus den Augen und fanden sich wieder. Es war der Vortag von Songkran . Im Stadtteil "Banglampoo" fanden sie ein recht preiswertes Hotel, das Hotel "U-thong". Heinz mußte jetzt wirklich mit seinem Geld haushalten. Gemeinschaftstoilette, ein kleines stickiges Zimmer, aber gutes und preiswertes Essen in einem kleinen Garten. Pön hatte bisher noch keine finanziellen Forderungen gestellt. Heinz war darüber zwar ein wenig verwundert, aber es kam ihm erst einmal gelegen. Abends saßen sie zusammen im Garten des Hotels beim Abendessen. Das Essen war höllisch scharf, aber schmackhaft. Pön erzählte von ihrer Heimat. Heinz lauschte fasziniert.

"In Kumphawapi gibt es viele Affen, wußtest Du das?" "Die Leute halten sich Affen als Haustiere?" "Nein, die Affen - auf Thai heißen sie ‚Ling' - leben wild. Sie laufen durch die Straßen und klettern auf die Häuser. Den ganzen Tag durchstöbern sie die Mülleimer nach Eßbarem." "Sie sind wirklich wild? Sie werden nicht von den Einwohnern gehalten?" "Nein, sie sind wild. In einem kleinen Park, nahe beim Tempel, ist ein Springbrunnen. Hierin baden die Affen bei großer Hitze. Sie können prima schwimmen." "Sind sie gefährlich?" "Du darfst Sie nicht anfassen, dann beißen sie. Aber wenn Du ihnen etwas zu fressen gibst, lassen sie Dich ganz nahe heran und nehmen Dir das Futter aus der Hand." "Das möchte ich gerne sehen." "Das wirst Du, wir fahren ja hin. Ich zeige es Dir. Ich zeige Dir alles. Hast Du Angst vor Tieren?" "Welche Tiere meinst Du?" "In meiner Heimat, im Issaan, gibt es viele Tiere. Einige sind sehr gefährlich." "Was für Tiere sind das? Tiger, Elefanten oder was?" "Nein, Tiger gibt es wohl nicht mehr im Issaan. Früher gab es ganz viele. Auch wilde Elefanten oder Bären wirst Du wohl kaum sehen. Doch gefährliche Tiere gibt es schon noch im Issaan." "Was für Tiere?" "Nun, da sind die Schlangen. In den Reisfeldern gibt es unzählige. Nicht alle, aber einige sind sehr giftig, zum Beispiel die ‚Ngu hau', Du kennst sie wohl unter dem Namen Kobra." "Ist die Kobra sehr häufig?" "Ja, in den Reisfeldern gibt es sehr viele." "Ich möchte gern Schlangen sehen, ich mag Schlangen." "Du wirst bestimmt Schlangen sehen im Issaan. Du brauchst aber keine Angst zu haben. Sie beißen selten." "Ja, ich möchte Schlangen sehen im Issaan! Was habt ihr noch für gefährliche Tiere?" "Wir haben giftige Skorpione, große Spinnen und auch Thakarp."

"Thakarp, was ist denn das?" "Ein giftiger Tausendfüßler. Er wird bis zu 40 cm lang. Er ist sehr giftig. Ich habe von einem Fall gehört, wo ein Wasserbüffel am Biß eines Thakarp gestorben ist. Aber nicht nur der Biß eines Thakarp ist gefährlich, die bloße Berührung mit einem solchen Tier verursacht ernste Krankheiten. Die Berührung oder gar ein Biß tut sehr weh. Erwachsene Männer schreien vor Schmerz. Auch wenn man den Biß eines solchen Tieres überlebt, zieht sich die nachfolgende Krankheit sehr lange hin." "Solch einem Tier möchte ich nicht begegnen." "Keine Angst, er beißt Dich nicht, Du solltest ihn aber auch nicht anfassen. Wußtest Du, daß man Thakarp essen kann?" "Nein, ich mag´s kaum glauben." "Zum Töten legt man ihn in Mekong-Whisky . Anschließend kann man ihn braten. Er ist dann nicht mehr giftig. Auch Schlangen kann man essen, ich esse gern Kobrasuppe." "Wenn wir da sind, werde ich sie vielleicht einmal probieren."

Die nächsten Tage standen ganz im Zeichen des Songkran-Festes. Zur Feier des neuen Jahres gießt man sich gegenseitig Wasser über den Körper. Wo sie auch gingen oder standen, in wenigen Augenblicken goß man ihnen Wasser über den Kopf. Mit großen Wasserpistolen wurden die Passanten von den Straßenrändern mit Wasser besprüht. An den Straßenrändern waren Stände aufgebaut. Hier konnte man gepreßten Puder kaufen. Dieser wurde in Wasser aufgelöst, bis es ein dicker Brei war. Damit bestrich man sich oder besser, die anderen Leute. Es machte einen riesigen Spaß. Ein Fest wie Karneval. Menschenzüge zogen durch die Straßen. Pön und Heinz, mit einer Schicht von weißem Puderbrei bedeckt, zogen mit. Von den Straßenrändern wurden sie mit Wasser bespritzt. Häufig war das Wasser mit Eiswürfeln versehen. Man bekam dann eine richtige Gänsehaut.

Alle Leute waren fröhlich. "Sawadii pi mai - Ein schönes neues Jahr", riefen sie. Drei Tage und drei Nächte ging das so. Der Verkehr in Bangkok kam stellenweise zum Erliegen. Autos konnten nicht mehr fahren. Banken und viele Geschäfte hatten geschlossen. Überall auf den Straßen befand sich eine weiße Schicht von getrocknetem Puder - Songkran. Am Tag nach Songkran ging Heinz zur Bank. Es war kein Geld angekommen. Seine Ersparnisse waren aufgebraucht, er besaß nur noch wenige Baht. Was sollte er tun? Wo er auf die Überweisung aus Deutschland wartete, ob in Bangkok oder in einer anderen Stadt, war eigentlich egal. Filialen der Bangkok-Bank gab es überall. Also konnte er auch weiterziehen. Geld für Fahrkarten hatte er allerdings nicht mehr. Also, zu Fuß und per Anhalter. Der Issaan wartet. Sie zogen los. Heinz hatte seinen Rucksack umgeschnallt, Pön trug ihre Umhängetasche. Sie hielten einen LKW an. Der Fahrer brachte sie weit aus Bangkok heraus. Es ging in Richtung Issaan. Sie fuhren nach Norden, immer in der Nähe des Menam-Stroms . Die Thai nennen ihn ‚Chayo praya'. Während der gesamten Fahrt stierte der Fahrer auf die Beine und Brust von Pön. Sie schien es zu merken, aber es schien ihr egal zu sein. Heinz hingegen war es peinlich. In Ayuthaya, der ehemaligen Hauptstadt, mußten sie aussteigen. Die Tour des LKW endete hier. Ayuthaya war interessant. Überall alte Ruinen von Tempeln, Burgen und Stadtmauern.

Im Jahre 1350 wurde die Stadt Ayuthaya gegründet. Diese Stadt war prunkvoll und brauchte den Vergleich mit damaligen europäischen Metropolen nicht zu scheuen. Fast vierhundert Jahre war sie das Machtzentrum des damaligen Reiches. Dreiunddreißig Könige regierten von hier das riesige Land. Dann wurde Ayuthaya von den Burmesen zerstört. Kaum ein Stein blieb über dem anderen. Das Gold von Ayuthaya wurde nach Burma transportiert. Es bedeckt - so sagen die Thai - seitdem die Shwedagon-Pagode in der Hauptstadt Rangun. Den Fall Ayuthayas haben die Thai den Burmesen nicht vergessen. Heinz und Pön wanderten durch die Ruinen der ehemaligen Hauptstadt. Zerstörte Tempel, enthauptete Buddhastatuen, Geröll. Vor einigen der uralten Buddhastatuen kniete Pön und betete. Heinz stand abseits und wartete. Er wollte nicht stören.

Ein letztes Mal wohnten sie in einem einfachen Hotel. Dann war das Geld von Heinz endgültig aufgebraucht. Auf eine Abendmahlzeit würden sie wohl heute verzichten müssen. Morgen würden sie wohl auf der Straße übernachten müssen. Doch sie bekamen eine warme Mahlzeit: Abends saßen sie vor dem Hotel in einem kleinen Garten. Sie hatten Hunger. Pön besaß noch ein paar Zigaretten. Sie unterhielten sich. Heinz schreckte zusammen. Ein Tier hatte ihn angeflogen. Es sah aus, wie eine geflügelte Ameise. Er schlug nach dem Tier. Noch eins dieser Tiere flog ihn an. "Maeng-Mau", sagte Pön bedeutungsvoll. Sie betrachtete den Himmel. In der Nähe brannte eine Leuchtstofflampe. Zahlreiche dieser geflügelten Tierchen schwirrten um das Licht. "Maeng-Mau!" Pön deutete auf die Tiere an der Leuchtstofflampe. Es ging schnell. Unmengen dieser Tiere kamen und umkreisten die Lampen. Viele fielen auf den Boden. An einigen Stellen war der Boden in kürzester Zeit von den Tieren mehrere Zentimeter hoch übersäht. "Maeng-Mau!", jubelte Pön. "Wir haben ausreichend zu essen." Sie lief in das Hotel und kam kurz darauf mit einem Eimer zurück. Sie begann, die Tiere einzusammeln. Schnell hatte sie den Eimer voll. Sie konnte die Tiere an machen Stellen mit beiden Händen geradezu vom Boden schaufeln. Überall in der Luft und am Boden wimmelte es von diesen Tieren. Millionen - Milliarden.

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