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Warum ziehen die 'heute' um....?
Umzug ..wollte sie wissen, die, die wo was meine Jattin is.

An sich nichts Besonderes, wenn jemand umzieht. Doch stand heute Morgen bereits ein Umzugswagen vor dem Nachbarhaus. Auch nichts Besonderes - mit einem Unterschied: Es goss in Strömen ! "Warum ziehen die nicht um, wenn es nicht regnet," bohrte sie nach, meine Jattin, die Suay eben, "wird doch alles nass." Nun, diese messerscharfe Schlussfolgerung ignorierend konnte ich ihr plausibel machen, dass man so einen Umzugswagen unabhängig von der aktuellen Wettervorhersage rechtzeitig bestellen muss, weil, nicht nur der Rubel, auch die Umzugswagen wollen und müssen rollen. Sie nahm´s zur Kenntnis, nicht ohne eine leichte Falte auf der Stirn - von oben nach unten - und ein wissendes Lächeln um die thail. Mundwinkel herum.

Na ja, da zeigt sich mal wieder, dass nicht nur meine Frau, sondern auch ich ein Alter erreicht haben, das noch von etwas anderen Erinnerungen und Vorstellungen geprägt ist. So zeigt sich auch in Thailand - bzw. bei den hier lebenden Thais -, dass Thailand und seine Bewohner stramm auf dem Weg zur Moderne sind. Bestimmte Besonderheiten, wie das Staunen über die Farang-Kultur, dieses unbequeme Hocken auf dem Boden, die Zubereitung einer Fischmansche in gesammelten Gurken- und Würstchengläsern und dieses ewige Lächeln sind auf dem besten Wege der Vergangenheit anzugehören. Mancher Forenoldie wird sich - teils ein gewisses Schaudern im Nacken - noch an seine eigenen Anfänge mit Thailand und den Thais erinnern.

Nein, wir wollen froh sein, dass sich alles wendet, zum Guten nämlich. Auch meine Jattin trauert mit Sicherheit der Zeit nicht mehr nach, als sie noch als Mädel jeden Tag zweimal die 2 km zur Wasserstelle getigert war. Und selbst der Issaan ist auf dem Weg zur Moderne. Hightech- und kommunikationstechnisch voll im Trend, findet man nur noch vereinzelt diese Freilichtmuseumsidylle, wo Som Tham zubereitet wird, und die Nachbarn beim Plausch vor dem typischen Häuschen in ebenso typischer Sitzhaltung zusammenhocken - den Topf für das reinzuwerfende Kleingeld gut sichtbar Richtung Straßenrand drapiert. Veranstaltungen im Wat werden als folkloristische Einlage für die immer zahlreicheren Touristen angeboten, welche sich, der geschichtsträchtigen Hochburgen an der Küste überdrüssig, den herberen Schönheiten des Landes zuwenden.

Dies bleibt auch für die Eingereisten nach Old Germany nicht ohne Auswirkungen. Der Wai - was ist das eigentlich noch ? - kann fast nur noch in historischen Thaifilmen bewundert werden, und Respekt vor den Eltern, älteren Geschwistern ist nur hinderlich bei der eigenen Selbstfindung. Die frühere typische Sitzweise auf dem Boden, hier noch selten beobachtet bei den übrig gebliebenen Unverbesserlichen, verleitet so manch modernen Thai bereits dazu den Notarzt zu rufen, und das Öffnen eines ´Pla Ra: Glases´ erheischt die Verständigung der örtlichen Gesundheitsbehörde. Unabhängig davon, dass die Handhabung sowohl von Kok als auch Sa:k (Mörser und Stampfer) aus der Erinnerung ist, wird bei Wahrnehmung solcher heute kaum noch zu beobachtenden Aktionen schon eine nicht genehmigte Umbaumaßnahme in der Mietwohnung vermutet.

Sie sind selbstbewusst geworden, die Thais - und das ist gut so. Jeder Verallgemeinerung wirklich einzelner negativer Erfahrungen Lügen strafend, gehen sie verantwortungsbewusst und konsequent ihrer beruflichen Tätigkeit nach, emanzipatorisch Hausarbeit und Kinderversorgung mit ihrem gleichberechtigten deutschen Ehemann teilend. Zu besonderen Gelegenheiten geht man in ein China-Restaurant zum ´Original-Thai-Essen´, wobei der thail. Part dieser modernen Beziehung bereits die Zubereitung der Königsberger Klopse am nächsten Sonntag im Visier hat. Auch im Casino sitzt man auf dem Stuhl, zumal sich das Hocken mit gekreuzten Beinen auf dem Roulettetisch auf die Dauer als doch störend für den Lauf der Kugel erwiesen hatte. Sparvereine, Geldverleiher(innen) - diese Begriffe sind aus dem Vokabular auch der Thais verschwunden; in meinem Dunstkreis konnte beobachtet werden, dass eine Thai eine andere angezeigt hatte, weil diese mit einem Satz Würfel beim allseits beliebten Integrationskurs gesehen wurde. Entbehrt nicht einer gewissen moralischen Qualität.

Auch dieses sinnlose Saufen aus nie leer werden wollenden alten Senfgläsern gehört der Vergangenheit an. Ein gutes Fläschchen Cognac, aus stilvollem Glase genossen, hat eine ebenso euphorisierende Wirkung, ohne dass sich der Drang herausbildet, sein Ehegesponst, das farangische, von den Qualitäten Solinger Edelstahls überzeugen zu wollen. Und gibt es mal Probleme in einer Beziehung ist es heute oft der thail. Part, der eigenständig einen Termin beim Eheberater organisiert, alles unternehmend nicht nur die Beziehung zu stabilisieren, sondern ihre ideelle und praktische Qualität noch auf an höheres Niveau zu stellen.

Vorbei die aggressiven Ausbrüche, von tagelangem Schweigen keine Spur mehr, zumindest bei denen, die bereits in Bangkok den 13-wöchigen Deutsch-Kultur-Vorbereitungskurs an der Botschaft besucht haben. Man setzt sich heute an den runden Tisch, spricht Probleme nicht nur an, sondern sucht gemeinsam nach Lösungen, hört sich zu, lässt den anderen ausreden, sucht Gemeinsamkeiten...

Was das mit dem Umzug zu tun hat ? Nun, ganz einfach, auch meine Jattin is voll integriert. Auf dem Boden hockt sie nur noch, um die beim Durchzug heruntergefallen Geldscheine aufzusammeln, und Som Tham wird nicht nur im Stehen sondern auch mit dem Elektro-Quirl zubereitet. Unserem gemeinsamen Therapeuten hatte sie letztens die Meinung gegeigt, weil sie das Gefühl hatte, er würde sich zu sehr auf meine verkorkste Kindheit konzentrieren. Als ihre Nichte sie mit einem Wai begrüßen wollte, meinte sie nur: "Is´ schon wieder Karnevalszeit ?"

Doch eines hat sie eben noch nicht begriffen, und das bekomme ich auch einfach nicht in sie rein: Dass man in Deutschland auch bei Regen umzieht.