Vorgeschichte zum besseren Verstaendnis:
Neulich haben wir eine riesige Pappel gefaellt in Potsdam. Unten einen Stammdurchmesser von ca. 200 cm, in acht Metern Hoehe gabelte sie sich in drei Starkaeste. Jeder fuer sich ab da ein eigener Baum mit 100 cm Durchmesser.
Die Pappel stand in einem Innenhof einer groesseren Siedlung, die Anwohner wussten alle Bescheid und hatte ihre Fahrzeuge vom Parkplatz dort in Sicherheit gebracht. Nur einen mussten wir um 8:00 Uhr rausklingeln. Der arme Mann hatte sich gerade erst hingelegt, weil er Nachtschicht hatte. Mai mii panhaa, wir haben uns vorbereitet, und er hat seinen reudigen Colt weggefahren „...nach einem Morgenschiss....“ (O-Ton von ihm!).
Ich bin oft genug bei der Truppe, das ich einschaetzen kann was es bedeutet wenn der Chef bei der Morgenbesprechung im Buero sagt „Wir fahren da erstmal gemeinsam raus, das ist in einem Hinterhof. Das Teil ist ein ganz schoener Klopper und ich weiss nicht, ob der LKW (fuer die Abfuhr, A.d.V.) durch die Durchfahrt passt.“ Im Nachsatz dann noch der Hinweis, wir sollen eine Schubkarre und eine der Sackkarren mitnehmen.
Um 6:50 Uhr ist mir erstmal die Klappe runtergefallen, als bei der Besprechung diese zwei Worte fielen. Denn es bedeutet, das ich als Bodenschlampe den Baum in Einzelteilen nach draussen zur Strasse befoerdern muss, damit mein Kollege mit dem Schredder und LKW ihn laden kann. Und wenn Cheffe von einem 'ganz schoenen Klopper' spricht, dann bedeutet das mindestens 3 Tonnen Holz, die ich da an der Backe habe...
Am Objekt angekommen faellt mir als erstes ein „Ach Du ... ich war als Kind schon Schei***...“, denn die Pappel ist gigantisch. Das sind 5 Tonnen, wenn nicht noch mehr. Was bedeutet, das ich entweder einen richtig harten Tag haben werde, wenn der Kollege fuer die Abfuhr nicht durch die Durchfahrt passt mit seinem LKW. Oder das es ein gechillter Tag wird, wenn er auf den Parkplatz kommt und direkt an den Baum fahren kann. Der LKW an sich passt problemlos durch, das sehe ich gleich. Aber er hat einen Selbstlader-Kranarm montiert, und der koennte das Problem werden. Die Chancen sind 50-50, aber ich gehe wie immer erstmal vom Schlimmsten aus (denn dann kann es ja nur besser werden).
Wir arbeiten dort nicht mit einem Steiger (LKW), der passt nicht rein. Sondern mit einer Hebebuehne, die auf einem Anhaenger montiert ist, als Zugpferd dient ein Range Rover mit viel Power unter der Haube. Die Buehne wird in Position gebracht, die Baustelle weitraeumig abgesperrt mit Flatterband und Huetchen, dann warte ich gespannt auf den Kollegen fuer die Abfuhr. Der musste erst noch woanders hin, und kommt dann eine Stunde spaeter.
Dank wem auch immer, nachdem er den Greifarm runtergefahren hat, und dieser hinten ueber die Ladebordwand baumelt wie ein langer Ast, kommt er durch die Einfahrt. Der 5-Tonnen-Kelch ist an mir vorueber gegangen, was mir ein erleichtetes „YES!“ abringt. Und weils so schoen ist, hat der Kollege seinen Hacker nicht dabei, denn der ist in der Werkstatt. Was bedeutet, er wird das gesammte Astwerk und die Stammstuecken mit seinem Greifer aufladen. Ich werde heute nur schick rumstehen, hoechstens mal einige Aeste abseilen muessen damit sie nicht unkontrolliert fallen.
Wie immer: Kaum heult die Kettensaege und die ersten Starkaeste krachen auf den Parkplatz, gehen die Fenster auf und interessierte AnwohnerInnen betrachten uns und machen Fotos. Einige kommen auch runter und fragen nach, da bin ich als Bodenschlampe der Ansprechpartner. Oft erzaehlen mir Leute ihre ganze Lebensgeschichte dabei, gerade Rentner sind froh, jemanden zutexten zu koennen. Ist immer interessant, und soweit es die Arbeitssituation zulaesst unterhalte ich mich sehr gerne mit fremden Menschen.
Heute faellt mir gleich eine schicke Mutti auf, die uns aus einem Fenster im dritten Stock betrachtet. Geschaetzte 35, kurze blonde Haare, suesses Gesicht. Sie ruft mir etwas zu, als ich hochschaue. Aber es ist zu laut, als das ich es verstehen koennte, also winke ich sie runter.
Zwei Minuten spaeter kommt sie runter, mit einem Einkaufskorb in der Hand. Darin drei Flaschen Wasser fuer uns, natuerlich auch drei Glaeser und eine Dose Kekse. Nachtigal ick hoer dir trapsen..., die will was von uns...
Sie ist verheiratet, ihr Mann ist auf Montage in Bochum, der Sohn ist 13 jahre alt und gerade in der Schule, sie arbeitet heute in der Spaetschicht beim Lidl. Ihre himmelblauen Augen strahlen, als sie bewundernd bemerkt, das dies doch sehr harte Arbeit sein muss und gefaehrlich sei?! Viel unverbluemter konnte sie die Einladung auf einen Quicki nicht formulieren, mein Kollege und ich grinsen uns an, dann sie.
Wir koennten auch rauf kommen auf einen Kaffee, schiebt sie locker und laechelnd nach?!! Da wir beide aber grinsend standhaft bleiben, huepft sie wieder von dannen, um wenig spaeter mit Kaffee, drei Tassen plus Untertassen, Loeffeln, Milch und Zucker und Suessstoff wiederzukommen.
Damit nicht genug, sie fragt uns wie wirs gerne haetten, und macht die drei Tassen individuell voll, ruehrt um, reicht uns den Kaffee. Ich muss meine Kollegen angrinsen: „Ditt is ja wie in Thailand!“
Dann rueckt sie endlich raus mit ihrer Frage. Sie haette gerne fuer ihren Schrebergarten zwei Baumscheiben, von ganz unten am Stamm als Tischplatten. Und drei oder vier starke Aeste, um daran Kletterpflanzen ranken zu lassen. Ob das ginge?!
Natuerlich geht das, kein Problem. Sie schnattert weiter fleissig ueber ihr Leben, um dann zu Dahlbeck zu gehen, fuer uns drei riesen Bockwuerste kaufen, mit Broetchen und Senf.
Yo, so sehen meine Arbeitstage manchmal aus.
Chock dii, hello_farang
Es ist die Selbstverstaendlichkeit, die zu allem fuehrt.